Denn sie weiß, was sie will
13.01.2010 - HOFHEIM
Von Petra Gahabka
AUSBILDUNGSSERIE Lisa Beutelsbacher lernt Industriemechanikerin bei Keller, Ihne & Tesch
Frauen in Männerberufen - zwar noch immer eine Seltenheit, doch die Vorurteile bröckeln. Lisa Beutelsbacher zeigt, dass "frau" dabei durchaus erfolgreich sein kann. "Mir macht das Feilen und Bohren Spaß", erzählt die 16-Jährige, die bei Keller, Ihne & Tesch Industriemechanikerin lernt, schmunzelnd.
Mit 132 Beschäftigten, davon zwölf Azubis, ist das Unternehmen einer der größten Arbeitgeber in Hofheim. Industriemechaniker wurden hier schon viele ausgebildet - aber eben immer nur Männer. Dass bei über 85 Bewerbungen die Wahl auf Lisa Beutelsbacher fiel, verwundert nicht. "Sie war eine der wenigen, die genaue Vorstellungen hatte und wusste, was sie will. Zudem hat sie einen guten Eindruck gemacht und ein sehr gutes Zeugnis vorgelegt", erklärt Betriebsleiter Thomas Wagner.
Entschlossenheit und Selbstbewusstsein gehören zum Charakter der zierlichen Hofheimerin. Ihr ehemaliger Freund lernte Industriemechaniker - und weckte das Interesse in ihr. Sie schaute ihm beim Technischen Zeichnen und bei mathematischen Aufgaben über die Schulter und stellte schnell fest: "Das wäre was für mich."
Von der Johannes-Gutenberg-Schule in Gernsheim aus machte sie ein mehrwöchiges Betriebspraktikum bei Merck. Lediglich drei Bewerbungen brauchte es, dann erhielt sie von Keller, Ihne & Tesch den Zuschlag. Mit einem sehr guten Hauptschulabschluss und voller Schaffenskraft trat sie am 1. September 2009 in das Unternehmen ein. Ihr Fazit nach gut vier Monaten: "Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe."
Industriemechaniker sind - laut Tätigkeitsbeschreibung der Bundesagentur für Arbeit - Allrounder. Sie sind in der Produktion und Instandhaltung tätig, wo sie dafür sorgen, dass Maschinen und Fertigungsanlagen betriebsbereit sind. Sie stellen diese her, richten sie ein und prüfen ihre Funktionen. Hier gehen sie nach geeigneten Prüfverfahren vor, ermitteln Störungsursachen, führen Reparaturen aus, bestellen passende Ersatzteile oder fertigen diese selbst an. Drehen, Fräsen, Bohren und Schleifen gehören ebenso zu ihren Aufgaben wie das Verschrauben, Montieren und Justieren von Bauteilen - alles in allem ein vielseitiger Beruf, bei dem dreieinhalb Jahre Ausbildung durchaus angebracht sind.
Das erste Jahr dient der Grundausbildung. Bohren, Feilen und Co. bilden die Basis für alles Weitere. Momentan ist Lisa Beutelsbachers Arbeitsplatz der Werkzeugbau. Dort entsteht unter ihren Händen ein Modell-Lastwagen. Die Grundplatte ist aus Stahl: Mit Ausdauer und Gewissenhaftigkeit feilt die angehende Industriemechanikerin sie auf Endmaß. Das Führerhaus kommt als Nächstes dran, dann Heckklappe, Achsen und Räder. Zum Schluss muss alles genau zusammenpassen.
Im zweiten Lehrjahr geht es dann an die Drehbank, Bandsäge, Fräs-, Schleif- und Standbohrmaschine. Parallel dazu durchläuft Lisa Beutelsbacher in den nächsten Jahren verschiedene Abteilungen. Schrankbau, Elektro-, Rohrpatronen- und Thermofühlerabteilung sind nur einige davon.
Laut Studien meiden Mädchen Berufe in männerdominierten Bereichen aus anderen Gründen als aus Angst vor der Technik. Viele befürchten am Arbeitsplatz Vorurteile, Benachteiligungen und mangelnde Anerkennung sowie sexuelle Belästigung. Azubi Beutelsbacher hat mit ihren Kollegen bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Und auch in der Berufsschule erfährt sie große Akzeptanz. Dass sie unter 20 Schülern das einzige weibliche Wesen ist, macht ihr nichts aus.
Im Schulungsraum der Firma sind in einer Glasvitrine Prüfungsstücke ausgestellt. Viertaktmotor, Locher und Schraubzwinge zeugen von den hohen fachlichen Anforderungen dieser Ausbildung. Hier ist auch der Ort, an dem die Auszubildenden von Thomas Wagner für die Zwischen- und Abschlussprüfung vorbereitet werden. Lisa Beutelsbacher weiß sehr wohl, was auf sie zukommt. Vor der Praxis habe sie keine Angst. Damit es auch mit der Theorie klappt, sitzt sie täglich über ihren Schulbüchern.
Thomas Wagner ist voll des Lobes für seinen Schützling: "Handwerklich ist sie sehr gut. Wenn sie in der Schule Gas gibt, schafft sie das."
Unterstützung findet Lisa Beutelsbacher auch bei ihren Eltern. Sie finden es gut, dass ihre Tochter diesen Beruf erlernt und bei Keller, Ihne & Tesch sozusagen ihren Mann steht. Zu Weihnachten lag daher folgerichtig auch eine blaue Arbeitshose unterm Christbaum.
